Umgang mit elektronischen Medien bei bildungsfernen Schichten. Ein Widerspruch?

“Bildungsfern“

Aus verschiedenen Untersuchungen findet hier eine Annäherung an das Wort „Bildungsferne“ statt, gefolgt von Hindernissen die Ferne zur Bildung zu reduzieren, sowie die Auswirkungen auf den Umgang mit elektronischen Geräten.

Gruppentypologie

In einer Studie an der Uni Linz durchgeführten Studien werden sechs Gruppentypologien entwickelt:

  • „Personen mit geringer Statusmobilität“, d.h. relativ hohe Berufsunzufriedenheit korreliert mit geringer Bereitschaft zu Veränderungen
  • „Praktikanten“ mit wenig Erfahrung in Lesen und Bildung
  • „Autodidakten“ mit wenig Vertrauen in Lernprozesse
  • „Personen mit Versagensängsten“
  • „Selbstlose“ mit starker familiärer Orientierung

 

Generell konnte in dieser Untersuchung gezeigt werden, dass die Gruppe der „bildungsfernen“ Personen nicht als in sich geschlossene homogene Gruppe zu betrachten ist. Vielmehr gibt es komplexe Ursachenbündel, darunter sozialisations- und persönlichkeitsbezogene Faktoren auf der einen Seite und sozioökonomische Rahmenbedingungen auf der anderen, welche den Zugang zu Weiterbildung erschweren bzw. verunmöglichen können.

Benachteiligungsfaktoren

Als relativ konstante Benachteiligungsfaktoren werden angeführt[1]

  • niedriger Bildungsgrad der Eltern, Mangel an bildungsförderlicher Vernetzung
  • gesellschaftliche Isolation, einschränkende soziale Strukturen
  • physische oder psychische Behinderung, chronische Krankheit
  • mangelnde Deutschkenntnisse
  • mangelnde Infrastruktur vor Ort (Verkehrsmittel, Bildungsangebote u.a.m.)
  • Zeitmangel auf Grund von Betreuungspflichten
  • Geldmangel auf Grund von Erwerbslosigkeit oder prekären Arbeitssituationen bzw. hohe
    Ausbildungskosten, die durch Förderungen nicht ausreichend kompensiert werden
  • Nicht-Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen sowie
  • Diskriminierung am Arbeitsmarkt

Bildungsbarrieren

Die vorhandenen und wahrgenommen Barrieren für den Erwerb von Bildung sind [2]

  • Perspektivenlosigkeit
  • Fehlende Nutzenerwartung in persönlicher und beruflicher Hinsicht
  • Negative Lernerfahrungen
  • Geringe Bildungsaffinität im sozialen Umfeld
  • Familiäre und berufliche Probleme
  • Informationsdefizite

 

Bildungsungleichheit in der Schule

Anzeichen für Bildungsungleichheit lassen sich bereits im Schulwesen und den dazu durchgeführten Untersuchungen erkennen. Im nationalen Bildungsbericht wurde das Chancenverhältnis von Schülern mit Matura mit den folgenden Untersuchungsmerkmalen untersucht:[3]

  • Urbanisierungsgrad
  • Bildungsniveau der Eltern
  • berufliche Stellung der Eltern
  • Migrationshintergrund

 

Arbeitsmarkt Österreich 2003, sozialdemographische Variblen

Veränderbare sozialdemographische Variablen mit einem wesentlichen Einfluss auf den Bildungsabschluss sind in einer Arbeit über den österreichischen Arbeitsmarkt 2003 herausgearbeitet worden.[4] Dazu zählen

  • Geschlecht
  • Regionen
  • ethnische Herkunft
  • soziale Schicht
  • fehlende Skills: Analphabetismus, Defizite bei neuen Medien, fehlende Einfacharbeitsplätze.

 

Zusammenfassung und Ausblick

Aus den Untersuchungsergebnissen lassen sich Zusammenhänge zwischen diesen Faktoren und der Wahrscheinlichkeit von weiteren Schulbesuchen und Langzeitarbeitslosigkeit ableiten. In späteren Jahren wird dann Weiterbildung als zusätzliche Belastung zum Stress der aktuellen Lebensbewältigung[5] und davon ausgelöste Veränderungsprozesse als Bedrohung empfunden.

Auf gesellschaftlicher Ebene und in einem meritokratischem Gesellschaftssystem wird der Zusammenhalt der Gesellschaft jedoch durch die fehlende Belohnung der individuellen Leistung gefährdet.[6]  Auf individueller Ebene wird in Folge die Prämisse der Bildung als Schlüssel für Wohlstand und soziale Gerechtigkeit in Frage gestellt und Gegner der digitalen Entwicklung sehen sich in ihren Überzeugungen bestätigt.

Mit der vermehrten Verbreitung von Bildungsinhalten über digitale Medien werden Menschen mit distanziertem technologischem Verhältnis verstärkt verdrängt und in die Rolle von Bildungsfernen gedrängt.[7]

In einer in der Schweiz durchgeführten empirischen Studie über Medienkompetenz bei Eltern zeigt dass bildungsferne Erwachsene deutlich weniger Kurse zu den neuen Medien besuchen, obwohl das Bedürfnis nach Weiterbildungsangeboten stark ausgeprägt ist.[8]

In einer in Oberösterreich durchgeführten Arbeit über die Zukunft des Bildungsmarketings wird betont, dass sich die Chancen von „gering-qualifizierten Milieus in prekären sozialen Lagen“ sich weiter verschlechtern werden und „besondere Aufmerksamkeit den Bildungsmotiven dieser Milieu geschenkt“ werden soll.

 

 

Elektronische Medien und Bildung

Es zeigt sich bei bildungsfernen Schichten mit eingeschränkten Möglichkeiten eine starke Ausrichtung der Familie auf elektronische Medien, da Freizeitangebote nur sehr eingeschränkt genutzt werden können.

In einer Untersuchung über das Medienverhalten von Kindern konnte gezeigt werden dass die Auswirkungen des Bildungsniveaus der Eltern auf Kinder dramatisch sind. [9]

Bemerkenswert ist auch eine Veränderung im Leseverhalten in den vergangenen Jahren. In einer 2013 und 2007 durchgeführten Vorlesungsstudie konnte gezeigt werden, dass vor allem bildungsferne Eltern und Väter durch Apps gewonnen wurden und häufiger ihren Kindern vorlasen.[10]

In der Altersgruppe bei Jugendlichen und Kinder ist die Art der Nutzung von elektronischen Geräten das markante Unterscheidungsmerkmal der verschieden Gesellschaftsgruppen und „unterscheidet sich deutlich entlang ihres formalen Bildungsniveaus.“[11]

Bei dieser Untersuchung zeigt sich, dass der Bildungsstand eine markante Auswirkung auf die Nutzung der elektronischen Medien hat.[12] Damit wird auch die Bedeutung einer formalen Bildung, als auch die subjektive Werthaltung der Bildung ersichtlich.

 

Conclusio

Im Hinblick auf die Anbietung von elektronischer Unterstützung im Bildungswesen lässt sich bisher nur für den organisatorischen Rahmen eine markant positive Wirkung nachweisen. Somit wird im Rahmen der Mediendidaktik das Potential von neuen Medien vor allem im zeitlichen und inhaltlich flexiblen Angebot von Lernangeboten gesehen.[13]

Auf der Kulturebene von Gesellschaften sind tradierte kulturelle Standards, wie hier in diesem Fall Bildung, unterschiedlich ausgeprägt. Das Postulat einer Bildung von mündigen und selbständigen Bürgern wird für die Entwicklung einer Bildungskultur weitgehend gefordert und angenommen. [14] „Bildungsfern“ kann nun als Defizit an institutionalisierter Bildung und Weiterbildung, sowie Mangel an Lernskills festgemacht werden. Wie weit Werthaltungen zu Bildung nun in bildungsfernen Gesellschaftsgruppen übernommen worden ist kann nur indirekt beantwortet werden und in Thesen formuliert werden:

Elektronische Geräte stellen an sich keinen Widerspruch für bildungsfremde Schichten dar. Der Unterschied liegt in der Nutzung, die wiederum auf verschiedenen Ursachen, wie Wissens- und Bildungsdefizite, als auch Mangel an erlernten Fähigkeiten herrühren kann. Bildungsverweigerung an sich stellt ein für Individuen subjektiv begründbares Verhalten dar wenn sich keine Verbesserung der Lage ergibt. Um hier die Distanz der Bildungsinstitutionen zu den unartikulierten potentiellen Bildungsinteressen von bildungsfremden Gruppen zu vermindern ist ein Umdenken bei der Ansprache und Gewinnung dieser Adressaten notwendig, wobei mögliche Ansätze der Schichten bzw. Perspektiven aus der Organisationskultur und Kulturforschung vorhanden sind.

 

[1] „‘Bildungsferne‘ für Bildungsberatung erreichen. Ein aktuelles Forschungsprojekt im Tagungsband“ im Tagungsband: Hammerer, Marika/Kanelutti-Chilas, Erika/Melter, Ingeborg (Hg.) (2013): Zukunftsfeld Bildungs- und Berufsberatung. Das Gemeinsame in der Differenz finden (W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld)

[2] learn forever Plenum, Wien, 15.3.2013

[3] runeforth, M. & Lassnigg, L. (Hrsg.). (2012). Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012

[4] Bernd Obermayr, „Bildungsferne Gruppen“, Impulspapier, Zukunftszentrum Tirol 2003

[5] Bildungsferne Zielgruppen in der arbeitsmarktorientierten Weiterbildung, Haberfellner, Gnadenberger, ams info 286

[6] Rolf Becker, Lehrbuch der Bildungssoziologie,  S.38

[7] Bernd Obermayr, „Bildungsferne Gruppen“, Impulspapier, Zukunftszentrum Tirol 2003

[8] Studie: Medienkompetenz und medienerzieherisches Handeln von Eltern. Eine empirische Untersuchung bei Eltern von 10- bis 17-jährigen Kindern in Basel-Stadt,  Olivier Steiner, Marc Goldoni, Fachhochschule Nordwestschweiz Hochschule für Soziale Arbeit Institut Kinder- und Jugendhilfe 2011

[9] Jan Frölich, Gerd Lehmkuhl Schattauer Verlag, 2012Computer und Internet erobern die Kindheit: vom normalen Spielverhalten bis zur Sucht und deren Behandlung

[10] Lesepraxis von Kindern und Jugendlichen: Die Bedeutung von Familie, Schule und Peers für die Beschaffung und Nutzung von Lesestoffen, Marina Mahling Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2016, S.15

[11] DIVSI U25-Studie: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt, https://www.divsi.de/publikationen/studien/divsi-u25-studie-kinder-jugendliche-und-junge-erwachsene-in-der-digitalen-welt/

[12] Digitale Kompetenzen für eine digitalisierte Lebenswelt Eine Jugendstudie der AK Wien, durchgeführt vom

Institut für Jugendkulturforschung, Philipp Ikrath und Anna Speckmayr, Wien, 2016

[13] Kerres, M. (2003). Wirkungen und Wirksamkeit neuer Medien in der Bildung. In R. K. KeillSlawik, M. (Ed.), Education Quality Forum. Wirkungen und Wirksamkeit neuer Medien. Münster:Waxmann.,

[14] Wert und Werte im Bildungsmanagement: Nachhaltigkeit – Ethik – Bildungscontrolling, Gerd Schweizer

  1. Bertelsmann Verlag, 2010 – 280 Seiten